Eine übernatürliche Suche #1 – von Thorben

Seit ich auf meiner Suche angefangen habe, im Sommer diesen Jahres mich dem Training des Bujinkan Budo Taijutsu zu widmen, konnte ich das erste Mal erfahren, wie es sich anfühlt mit „Tricks und Zauberei“ anstelle von frontaler Muskelkraft gegen einen Gegner kämpft (zumindest im Training). Der Bereich des Kampfsportes und der Selbstverteidigung ist mir vorher schon bekannt gewesen. Aber vor allem im Judo habe ich die Erfahrung gemacht, dass Technik gut, aber Stärke am Ende entscheidend ist. Dann folgte ein Seminar mit Rob Renner in Berlin. Das Thema war „Muto Dori – Lass den Gegner denken er gewinnt – bis er verliert!“ Das Seminar ging ein Wochenende lang und trotz der Tatsache, dass ich die Hälfte verpasst habe, so konnte ich doch die bis dahin interessantesten und zugleich abgefahrensten Unterrichtsstunden meines Lebens genießen. Was genau ich nun gelernt hatte, oder gar wie ich es reproduzieren könnte, ist mir immer dennoch ein Rätsel.

Mehr ein Gefühl, als eine Technik

Ich hatte allerdings während des Trainings ein komisches Gefühl. Man befindet sich in einer Situation, in der man mit scheinbar unlogischen Entscheidungen, kontraintuitiven Bewegungen und Finten seinen Gegenüber nicht nur verwirrt, sondern ihn auch noch ohne viel eigene Mühe oder Kraft besiegen kann (trotzdem wird es wahrscheinlich noch viele Jahre dauern, bis das wirklich so leicht wird, wie es sich in dem Moment anfühlte). Und dieses Gefühl bewahrte ich mir und versuchte es, in meinem weiteren Training wieder zu erleben, denn es war auf eine unbeschreibliche Weise sehr beruhigend und befreiend.

Der Erfolg dabei hält sich aber stark in Grenzen. Zwar ist das Training im Dojo für mich das Zentrum des Verständnisses für ein besseres Taijutsu, doch es ist nicht alles. Da ich aber weiterhin auf der Suche nach dem Auslöser dieses Gefühls war, wollte ich eine weitere Perspektive einholen. Das war der Anlass, mir einige von den Büchern von Soke Dr. Masaaki Hatsumi zuzulegen.

Bojutsu im Park

In einem davon („Essence of Ninjutsu“) erklärt Soke die Bedeutung von Tricks und Illusionen für das eigene Taijutsu. In dem besagten Kapitel versucht er die „übernatürlichen“ Fähigkeiten eines Ninjas zu erklären, mit der Kunst der Zauberei (Genjustu). Vieles was Soke über diese Künste erklärt, versteckt sich hinter Bildern, bei denen ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich sie wirklich verstanden habe. Die Kernaussage des Kapitels war für mich aber Folgende: Ein Ninja muss kein Zauberer oder Illusionist sein, sollte aber die Kerngedanken verstehen. Hypnose, gezielte Fehlinformationen und das Prinzip der Irreführung sind wichtige und sehr mächtige Werkzeuge im Repertoire eines Ninja. Auch wenn man diese als verlogene Tricks abtun mag, so können sie auch treue Wegbegleiter sein und Gutes bewirken. Um dies zu verstehen möchte ich ein Beispiel anführen:

Tricks und Magie

Mir sind die oben genannten Prinzipien nicht ganz fremd, da ich hobbymäßig gerne Zaubertricks vorführe. Zwar könnte man sagen, dass diese auf Lügen aufbauen und deshalb Betrügereien sind. Andererseits kann man auch sagen, dass man ja gar nicht lügt. Wenn ich einen Kartentrick vorführe, passiert genau das was ich dem Zuschauer sage: Ein Trick und nichts weiter. Aber in diesen Momenten geschieht die Magie: der Zuschauer sieht die Karte, die ich auf „magische Weise“ wiederfinde. Der Kritiker sieht die Lüge, die ich dem Zuschauer dafür auftische. Ich hingegen sehe ein Lächeln auf dem Gesicht des Zuschauers. Das ist die wahre Magie bei Kartentricks (denn es sind nur billige Taschenspielertricks). Der Zuschauer jedoch ist verblüfft, angespornt den Trick herauszufinden und kann für einen Moment seine Alltagsprobleme vergessen. Man sieht also, dass es immer auf die Perspektive ankommt.

Zwar sind diese Tricks mitverantwortlich, dass Ninja in Japan einen sehr schlechten Ruf haben. Doch versetzen wir uns einen Moment in die Lage eines Ninja von Damals. Höchstwahrscheinlich ist er Reisbauer und lebt mit seiner Familie in dem Gebiet eines Samurai-Herren. Diese waren nicht unbedingt für ihre Güte gegenüber ihren „Schutzbefohlenen“ bekannt. Will der Ninja nun also den Samurai terrorisieren, oder vielleicht nur sich, seine Familie und seine Lebensweise beschützen?

Natürlich, es gibt auch „schwarze Schafe“, die die Fähigkeiten für schlechtes ausnutzen. So wie ein Magier seine Tricks benutzen kann, um die Zuschauer zu bestehlen, so kann ein Ninja seine Fähigkeiten für Mord, Sabotage und Destabilisierung nutzen. Hier gilt was auch mein Lehrer und sein Lehrer mir erzählt haben: Ein Ninja soll bis zum äußersten trainiert sein, seine Fähigkeiten aber dem Schutz der Nächsten verschreiben (wobei „der Nächste“ auch eine spontane 2-Sekunden-Bekanntschaft auf der Straße sein kann, die einem Überfall zum Opfer fällt).

Ein neuer Blickwinkel

Man kann an diesem Beispiel, so finde ich, sehr wichtige Dinge erkennen. Erstens, unsere Pflicht, das Erbe unserer Vorgänger zu wahren, es aber auch bewusst und nur bewusst einzusetzen. Zweitens, dass Bujinkan viel mehr ist, als das Kämpfen um „herumgerolle“ im Training. Und drittens, dass die Techniken, betrachtet aus verschiedenen Blickwinkeln, ganz andere Wirkungen haben können als man vermuten mag.

nach der Gürtelprüfung
nach der Gürtelprüfung

In wie fern hat mir das nun auf meiner Suche nach dem „Gefühl des Seminars“ geholfen? Bis jetzt leider gar nicht. Nichts desto trotz sind diese Erkenntnisse für mich eine große Hilfe und ein gigantischer Sprung nach vorne. Sie eröffnen mir einen völlig neuen Blickwinkel auf das Training im Dojo, ich habe eine wundervolle Möglichkeit gefunden zwei meiner geliebten Hobbies zu verbinden und eine gewisse Vorfreude macht sich breit, dass die Suche nach dem Gefühl noch viele andere hochinteressante Schätze offenbart und sie lassen mich ein bisschen hoffen, dass ich die Suche nie abschließen muss. Wer weiß, vielleicht ist diese Suche aber auch die Erkenntnis, die Soke als diejenige beschreibt, die er aus seinen Gesprächen mit Takamatsu Sensei gewonnen hat. Doch das ist eine andere Geschichte.

Ninpo Ikkan
Thorben

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